Die besseren Eltern? Die Eltern! Teil 3: Sie streben nach Nähe

 

Das Kollegium und die Elternsprecher in dem in Teil 2 angeführten Bericht argumentieren aus der Sicht des Kollektivs. Eltern hingegen binden sich an ihre Kinder und sehen zuerst das Individuum. Sie stellen sich die Frage: Was tut meinem einmaligen Kind gut? Die Antwort: Nähe zu uns.

Die Befindlichkeit der Kinder dieser Mutter liegt nicht im Fokus der Schule. Es gibt sicher viele Eltern, denen eine Unterordnung der Bindungsbedürfnisse ihrer Kinder unter die Interessen des Kollektivs entgegenkommt. Anderen behagt sie gar nicht. Sie möchten selbst die Antwort für ihr Kind sein und wünschen die entsprechende Verantwortung. Oft werden sie, wenn sie ihr Unbehagen gegen übergriffige Einrichtungen äußern, als Helikoptereltern bezeichnet. Manche ziehen sich daraufhin gehorsam und eingeschüchtert zurück.

Eine Mutter äußert sich nach den ersten noch sehr milden Einschüchterungsversuchen eines Schwimmvereins so:

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Ohne Eltern? Warum eigentlich?

Seit Emilia vier Monate alt ist, gehe ich mit ihr zum Schwimmen. Damals war das ganz toll für sie, weil sie sich so frei bewegen konnte. Wir sind bis jetzt weiter zum Schwimmen gegangen. Emilia liebt es! Sie und die anderen Kinder toben völlig angstfrei und mit so viel Freude im Wasser. Es hat bis jetzt ihr und mir sehr viel Spaß gemacht. Und nebenbei haben sie schon gelernt, wie man am Beckenrand hangelt, Köpper macht etc.

Jetzt ist es nur leider so, dass die Kinder mit drei Jahren vom Kleinkinderschwimmen mit Eltern zum Kinderschwimmen ohne Eltern(!) wechseln. Emilia braucht bis heute immer noch mich oder andre als Sicherheit. Sie bleibt nicht einfach irgendwo alleine ohne uns. Ich habe gedacht, ich probiere es beim Schwimmen aus. Ich weiß, wie gerne sie es macht. Und weil ich weiß, dass sie das da alles von klein auf kennt. Sonst hätte ich da gar nicht drüber nachgedacht.

Emila wollte es dann nach langem Zögern auch ausprobieren. Wir waren gestern da. Die Kinder kannte sie leider nicht, da die Kinder, mit denen wir im Kurs waren, in andere Kurse gewechselt haben. Beim Kinderschwimmen machen sie es so, dass die Eltern die Kinder im Schwimmbad abgeben, ca. 5 Minuten dabeibleiben, dann rausgehen und sich 5 Minuten vor Ende der Schwimmstunde (Dauer 45 Minuten) wieder ins Schwimmbad setzen. Ich hatte vorher mit dem Schwimmlehrer gesprochen und ihm gesagt, dass Emilia nicht ohne mich ins Wasser will. Sie haben dann extra noch einen Schwimmlehrer dazu geholt, der sich wirklich ganz toll um Emilia gekümmert hat und sie im Wasser auch die ganze Zeit auf dem Arm gehabt hat. Ich bin dann auch mit den anderen Eltern rausgegangen, habe aber durch die Tür gehört, dass Emilia ganz viel geweint hat. Es war wirklich schrecklich für mich!

Mir wurde dann nachher gesagt, dass das normal ist und dass Emilia aber zwischendurch auch Spaß hatte. Glaubst Du, dass das wirklich gut ist? Mein Gefühl sagt mir, dass es einfach nicht gut sein kann, wenn sie sie nicht wohl fühlt und weint. Das soll doch Spaß machen! Ich wollte es halt nur ausprobieren, weil Emilia die Schwimmstunde bis jetzt geliebt hat. Gestern Abend beim Essen hat sie mir gesagt, ich soll sie abmelden! Ich finde es wirklich traurig, dass man nicht einfach länger mit seinem Kind zu zweit zum Schwimmen gehen kann. Aber es ist grundsätzlich bei uns so, dass es mit drei Jahren bei fast allen Sportangeboten, Kursen etc. heißt: Ohne Eltern. Warum eigentlich?“

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Diese junge Mutter sucht berechtigterweise eine gesellschaftliche Struktur, in der sie im Kreise anderer Eltern die Bindung zwischen sich und ihrem Kind kultivieren und weiterentwickeln kann. Diesem Ansinnen werden deutliche Grenzen gesetzt. Ein öffentlicher Träger versucht zwar sanft aber doch unmissverständlich diese Familie in die von ihm für richtig befundene Richtung zu stupsen. Das ist ein Beispiel für die derzeit beliebteste verhaltensökonomische Maßnahme: “Nudging”. Die Folge, eine ganz normal gebundene Frau mit einer wunderbaren elterlichen Intuition wird verunsichert und muss beginnen, über die Selbstverständlichkeit des familiären Nährstrebens nachzudenken.

Was kann sie tun?

Nun, sie kann mit ihrem Kind alleine schwimmen gehen. Sie kann sich anpassen und ihr Kind abgeben. Sie kann aber auch andere Mütter oder Väter suchen. Solche, die ihre Kinder auch selbst und bindungszentriert großziehen möchten. Mit denen könnten sich die Mutter und Emilia im Schwimmbad verabreden.

Selbsterzieher nennt sich das kleine aber hartnäckige eingeschworene Grüppchen. Auf Facebook gibt es teilweise geschlossene kitafei-Gruppen in Dresden, Hamburg, Leipzig, Berlin, Karlsruhe, Ingolstadt, Mönchengladbach, Hannover, Landau/Germersheim/Speyer, Dortmund, Nbg/Fü/Erl, Kassel, Mittelsachsen, Bad Doberan, Schleswig-Holstein, Dachau, Senftenberg/Lauchhammer/Hoyerswerda. Es gibt sogar einen Newsletter:

www.kindergartenfrei.org

Hier finden selbsterziehende Eltern jede Menge Ratschläge und Austausch- und Kontaktmöglichkeiten.

In Westdeutschland gab es einmal einen großen Aufbruch einer Elterngruppe. Sie war in den 68gern mit der damaligen Infrastruktur für Kinder nicht einverstanden. Nun beginnt sich eine ähnliche Lage zu wiederholen. Jetzt sind es Familien, deren Eltern sich in der Hauptsache zumindest halbtags und auf Reisen lieber selber um die Kinder kümmern wollen. Sie werden zunehmend schlecht, – das heißt gegen ihr Interesse an Bindung zum Kind – versorgt. Ihnen wird ein Übermaß an Trennung vom Kind abverlangt, nur weil die gesellschaftlichen Einrichtungen das vorgeben. Der Schwimmverein, die jährliche Klassenfahrt in der Grundschule in diesem Beitrag sind ja nur zwei Beispiele. Sie alle forcieren die frühkindliche Trennung von Familienmitgliedern, die dieses Vorgehen intuitiv ablehnen.

Die geeignete Lösung können wir heute der Kinderladenbewegung aus den 68gern nachmachen. Diese wehrte sich erfolgreich gegen eine von Autorität dominierte öffentliche Pädagogik. Machen wir uns jetzt auch auf den Weg. Gründen wir eine eigene bindungs-fördernde Bewegung. Dort wo die öffentlichen Angebote in Kita, Schule und Sportverein auf eine programmatische Weise die familiäre Bindung stören, dort sollte auch wir unsere eigenen „Läden“ aufmachen. Wie ein solcher familienbindungs-freundlicher Kindergarten aussehen könnte, das zeige ich in meinem Buch „Eltern wollen Nähe auf.“  

  • Kreise für kindergartenfreie Familien gibt es schon in vielen Städten, ergänzen wir sie in möglichst vielen Städten und Landkreisen
  • die Halbtagsgrundschule, mit vier täglichen Unterrichtsstunden in der ersten Klasse und garantiert keiner verpflichtenden Klassenfahrt aber vielen Wandertagen und Ausflügen
  • die weiterführende Schule, die die Bindung zwischen Eltern und Kindern anerkennt und in ihren Fokus stellt. Eine Schule, die den jugendlichen Schülern die Welt der Erwachsenen öffnet. (siehe Teil 5)

Passen wir uns nicht blind an und unterdrücken wir erst recht nicht unser intuitiveres Wissen um die Bindungs-Bedürfnisse von Familienmitgliedern. Machen wir uns lieber auf den Weg, damit die Welt auch für uns und unsere Kinder förderlich ist. Denn wir binden uns von Herzen gerne aneinander, am liebsten den ganzen, zumindest aber den halben Tag.

  

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