Die besseren Eltern? Die Eltern! Teil 5: Sie gewährleisten Raum für Selbsterkenntnis

 

Im letzten Teil des Beitrags “Die besseren Eltern? Eltern!” geht es um ein sehr wichtiges Thema. Ich stelle die Frage danach, warum so viele Kinder mit exzellenten  Schulabschlüssen nicht wissen, was sie werden sollen. Die Antwort ist eigentlich ganz einfach.

Wenig Raum für Selbsterkenntnis im Ganztags-Kollektiv

Die kleine Elfe in Teil 1 dieser Serie hatte auf der Kassenfahrt keinen Raum für Selbsterkenntnis und Selbstentfaltung. Sie ist stattdessen gemeinsam mit der Gruppe einem Kind mit Essstörung gefolgt. Unterliegt sie nur hin und wieder dem Drang, einer Gruppe zu folgen, so ist das eigentlich nicht schlimm. Einmal im Jahr auf der Klassenfahrt kann jedes ältere Schulkind eine solche Erfahrung ganz unbeschadet machen.

Gefährlich wird es erst, wenn das Kind auch an normalen ganzen Schultagen oder Kitatagen von 8 bis 16 Uhr einem Kinderanführer folgt. Zum einen macht die Richtung, die der kindliche Anführer einschlägt, nicht für jedes Mitglied seiner Gruppe Sinn. Zum anderen macht es die Unreife von Kindern notwendig, dass ein reifer Mensch auf ganz zuverlässiger Basis, immer wenn es sein muss, die Führung übernimmt. Dieser Erwachsene ist jederzeit bereit, mit seiner Reife die kindliche Unreife auszugleichen.

Wie könnte eine solche Übernahme von Verantwortung in der Praxis aussehen?

Bleiben wir bei dem Beispiel der Klasse auf der Fähre nach Amrum:

  • Einer der Lehrer bittet das essgestörte Kind mit an seinen Tisch und schenkt ihm Beachtung. Die anderen drei Mädchen können derweil in Ruhe ihr Kartenspiel spielen.
  • Ein anderes Mitglied des Lehrpersonals verbietet das Nachlaufen-Spiel rund um die Kellner.
  • Nach der Durchsetzung des Verbots besuchen die Lehrer die Kindergruppen an ihren Tischen und gehen auf die Kinder ein.

Die Gleichaltrigen-Orientierung nach Gordon Neufeld

Die Ganztagsbeschulung mit nicht engagierten oder zu wenigen Betreuern führt zur „Gleichaltrigen-Orientierung“. Die Kinder binden sich mangels zuverlässig zugänglicher Erwachsener aneinander statt an erwachsene Vorbilder. Fehlen die Erwachsenen immer und oft im Leben von Kindern, so bleibt ihnen deren Schutz und auch deren Kultur verschlossen. Diese beiden Aufgaben übernehmen statt dessen andere Kinder. Ein Unterfangen, das zum Scheitern verurteilt ist. Warum? Nun, weil das andere Kind ja nicht reifer ist und ihm deshalb weder Halt noch Orientierung geben kann.

Wie sind großartige und schöpferische Menschen aufgewachsen?

An der Kindheit von Menschen, die Großartiges vollbracht haben, bin ich immer ganz besonders interessiert. Kennen wir deren Lebensumstände, so können wir folgendes erahnen: Was braucht der heranwachsende Mensch, um das ihm gegebene Potenzial entfalten zu können?

Nach unserem Ausflug nach Amrum besuchen wir Hans Wegners Heimatstadt Tondern, an der dänischen Grenze, wo sein Lebenswerk in einem alten Wasserturm ausgestellt wird. In der Broschüre „Med Wegner i Tønder“ lese ich:

„Dass die Schusterwerkstatt des Vaters in der Privatwohnung lag, war für Wegner von großer Bedeutung. Schon, als er noch im Krabbelalter war, kam er in die Werkstatt und lernte, wie man Nägel einschlägt und ein Messer an verschiedenem Material benutzen kann.

Der Vater war nicht der einzige Handwerker, den Wegner kannte. Es gab mehrere Werkstätten in der Nachbarschaft, die Wegner und sein Bruder oft besuchten. Sie kannten die Leute, die dort arbeiteten und Wegner hat später erzählt, wie er ihnen etwas „abgucken“ konnte. Er war beeindruckt davon, wie die Dinge in den Händen eines Erwachsenen entstanden. Er versuchte es auch selbst und besonders bei der Arbeit mit dem Holz zeigte er sein Können.“

 

Hätte das Krabbelkind Hans Wegner stattdessen im Kinderkollektiv gelernt, wie man sich in der Gruppe der Gleichaltrigen positioniert, hätte es nicht in die Arbeitswelt der Erwachsenen hineinwachsen können. Da wäre kein Vater gewesen, der ihm den Hammer überlassen hätte, er hätte nicht ausprobieren können, wie sich welches Material schneiden lässt. In Krippe und Kita hätte er noch nicht einmal Zeuge der Nahrungszubereitung werden können. Sein Mittagsessen wäre ja aus der Großküche geliefert worden, während er selber sich in die frühkindlichen Bildungsprogramme hätte fügen müssen.

Die Zersplitterung der menschlichen Gemeinschaft

Teilen Gesellschaftsingenieure die Welt in getrennte Nischen für Säuglinge, Kleinkinder, Kindergartenkinder, Schulkinder, Jugendliche, Erwachsene und Alte, so zersplittert unsere Kultur. Die Tradition ist nicht mehr möglich, denn sie ist ja eine Übergabe von einer Generation an die nächste. Es entsteht stattdessen eine Starre, der das Ineinanderfließen der gegenseitigen Anregungen abhandengekommen ist.

Statt dessen: Klirrende Kälte, überall. Kleine Kerlchen wie der heutige Hans aus Tondern führen eine Existenz jenseits der Nabelschnur ihrer Herkunftskultur. Er kann zwar schon in der Kita den vorgegebenen Bastelanleitungen folgen. Wenn er Glück hat, steht auch hin und wieder ein Stündchen des freien Kinderspiels auf dem Programm. Schuster oder Tischler kann er aber nicht spielen, weil er diese Handwerke nie bezeugen durfte. Was fehlt, ist dieses Fließen zwischen den Generationen, dieses sich Aufrichten an den Großen in der echten nicht abgetrennten Welt. Dieses Aufrichten erfolgt so lange, bis der Heranwachsende eben deren Größe erreicht hat und sie gar überschreitet. Hans Wegner blieb ja keineswegs in dem Handwerker-Milieu, sondern wuchs darüber hinaus.

Statt Zersplitterung: Das Kind wächst bei seinen Wurzeln auf

Der damalige Hans Wegner aus der Zeit vor der Kinderkollektivierung, der konnte in aller Ruhe und ganz ohne staatliche Intervention seine Vorstellungswelt kultivieren. Das in der Nähe Sein seiner Eltern ermöglichte ihm die Begegnung mit großen Männern, Handwerkern aus der Nachbarschaft. Die wiederum haben es ihm ermöglicht, die Materialien und die Werkzeuge kennenzulernen, mit denen Waren und Güter erschafft werden können. An diesen Möglichkeiten und auch an den Grenzen, konnte der Junge dann seinen eigenen und ganz persönlichen Gestaltungspielraum erfassen. Vor allem aber konnte er seine innere Glut für das Gestalten mit Holz entfachen. Er konnte Vorstellungen von Stühlen entwickeln und diese wahrmachen. Das war für ihn der Pfad des Glücks, den er niemals hätte finden können, wäre er von seinem Ursprung, dem Elternhaus und dem Dorf getrennt worden.

Der Grund für die Ratlosigkeit bei der Berufswahl

Vor diesem Hintergrund wundere ich mich dann doch nicht mehr über die neue Epidemie unter Ganztagsschulabgängern. Das ist die fast einheitliche Ratlosigkeit bezüglich des eigenen Berufswunsches. Kinder, die nicht mehr ganze Nachmittage lang ohne Programm (siehe Teil 4 dieses Beitrags) und völlig ungestört zu Hause das machen dürfen, wozu ihr tiefstes Inneres sie bewegt, die können gar nicht wissen können, was sie werden wollen. Sie hatten ja nie die Gelegenheit in sich hineinzuhorchen und Ideen zu entwickeln, Gluten zu entfachen. Zwar funktionieren sie in der Schule, gehorchen und lernen brav ihre politisch korrekten Floskeln und die spanischen Vokabeln. Aber „Gelerntes“ ist eben kein Ersatz für eine Vision, die im Zusammenspiel mit der Welt der Erwachsenen und dem Austausch mit den kulturellen Wurzeln natürlich Gestalt annimmt. Auf diesem soliden Fundament kann dann beim jungen Menschen sogar der Wunsch aufkommen, darüber hinauszuwachsen.

Daran kann sich eine Gesellschaft dann später immer noch, nachdem sie die Familie während der Kinderjahre von ihrer Besserwisserei und Bevormundung verschont hat, bereichern. Hans Wegner ist ja durchaus ein Aushängeschild für Dänemark.

Der fatale Irrtum der Bildungsingenieure basiert auf einer Verwechselung vom Lernen und der Reifwerdung. Reif werden Kinder, wenn man ihr Leben in der Kernfamilie unter Schutz stellt. Nur da, und nicht in der Öffentlichkeit der Institutionen, können Kinder sich den Luxus erlauben, ihr Innerstes zu öffnen und dann zu offenbaren. Und nur dort eben in seinem tiefsten Inneren bildet der junge Mensch die Vision seiner beruflichen Entwicklungsmöglichkeit. Reines Wissen berührt und bewegt nichts, absolut gar nichts.

Das wäre mein Wunsch: Kehren wir der Institutionalisierung der Kindheit den Rücken und stärken wir die Familien in ihrem Gestaltungsspielraum. Dort, wo das nicht geht, etwa wegen Krankheit, beruflicher Zwänge oder Verwaisen der Kinder, dort sollten die Institutionen sich die praktizierenden Familien zum Vorbild nehmen. Im SOS-Kinderdorf geschieht das ja schon seit Jahrzehnten sehr erfolgreich.

 

 

2 Kommentare

  1. Hallo Stefanie,

    wissenschaftlich fundiert scheint mir dein durchaus interessanter Artikel aber nicht. Mein Sohn war zu keiner Zeit ohne diese Freiheiten und niemals ganztägig im Hort o.ä. Er steht aber vor genau dem selben Problem. Es gibt sicherlich noch viele andere Gründe. Nichtsdestotrotz ist es sicher richtig, den Kindern viel Freiraum zu lassen.

    1. Hallo Joachim,

      es ist gut, wenn man auch jenseits der Wissenschaftlichkeit sieht, wie sich Kinder und Jugendliche entwickeln. Die Freiheit der Forschung gibt es nämlich während der derzeitigen Herrschaft der politisch Korrekten gar nicht mehr. Würden wir nur das wahrnehmen, was erlaubt (wissenschaftlich legitimiert) ist, so würde die Menschheit verdummen.
      Ansonsten, vertraue auf die inneren Kräfte Deines Jungen. Die wirken oft lange im Geheimen, bevor sie in Erscheinung treten. Alles Gute, wünsche ich Euch.

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