Die besseren Eltern? Die Eltern! Teil 1: Sie können Kindheit schenken

Scheinbar ist die Welt in Ordnung

An einem Montag setzten wir mit der Fähre auf die Nordseeinsel Amrum über. An den Tischen rund herum sitzen vielleicht 60 Kinder im Grundschulalter zwischen 6 und 11 Jahren.

Am Nachbartisch vier Mädchen: Eine Querschlanke, eine Athletische, die klassische Bohnenstange und eine kleine zarte Elfe. Die Kinder sind angespannt, und sie holen ihre Saugfläschchen aus den rosa oder lila Rucksäckchen. Die Flüssigkeiten gluckern in die Hälse. Zwischendurch immer wieder lautes Kreischen und Quietschen, das keinesfalls fröhlich oder ausgelassen klingt. Eher wie in einem schlechten Schauspiel, aufgesetzt. Plötzlich entlädt sich die Anspannung, indem sich die vier in den Strom von mindestens 30 anderen Kinder fädeln, die um die geplagten Kellnerinnen mit ihren hoch erhobenen Tabletts herum Nachlaufen spielen. Von Zweiertischen aus schauen ältere Ehepaare gelassen bis gleichgültig drein. Die Welt scheint in Ordnung. Vielleicht nicht so ganz für die Kellnerinnen, aber wer fragt denn die schon?

Eine voran, die anderen hinterher

Unsere vier Mädchen bleiben auch im Strom der Masse zusammen. Die Querschlanke ist die Anführerin und die anderen drei dürfen schon bei deren allerersten Eiseinkauf dabei sein. Sie sind die Auserwählten. Das ist unübersehbar. Mit der fetten Beute begibt sich das vierblättrige Kleeblatt zurück an seinen Tisch und man könnte für einen Moment meinen, es wären ganz entspannte Kinder. Sie kramen in ihren Rucksäcken, erzählen sich Geschichten und beginnen sogar Spielkarten auszuteilen. Doch plötzlich gerät der Blutzuckerspiegel der Anführerin wieder aus der Balance. Alle stehen auf, fädeln sich in die Massen, um dann letztendlich am Verkaufsstand für Süßigkeiten zu landen… Dieses Procedere wiederholt sich mehrere Male.

36 Klassenfahrten

Die nervöse und aufgepeitschte Atmosphäre, die die diese große Kindergruppe mit all den Untergrüppchen ausstrahlt, beunruhigt mich. Und nun überlege ich warum. Mein Gewissen meldet sich. Vor den insgesamt 36 Klassenfahrten unserer drei Kinder hatten wir keine Ahnung gehabt, wie es dort zugeht und blind vertraut. Ich tröste mich. Geschadet haben die Reisen wohl hoffentlich nicht. Nach je ein bis zwei Wochen zu Hause waren unsere Kinder dann ja irgendwann wieder ganz normal. Das allerdings auch nur, wenn in der Phase kein anderes ganztägiges Schulereignis dazwischenkam. “Schwamm drüber!

Ich rechne. Nein ich will gar nicht wissen zu welcher Summe sich diese Fahrten addiert haben. Wir hätten so gerne für eine große Familienreise mit dem Wohnmobil von der amerikanischen Ostküste zur Westküste gespart. Aber das Urlaubsbudget war immer schon von den zahlreichen Klassenfahrten geplündert gewesen. „Weißt Du noch, als Du mit der Klasse auf Langeoog warst?“, frage ich. Meine Tochter kann sich beim besten Willen nicht mehr daran erinnern. „Ich habe all diese Reisen einfach über mich ergehen lassen,“ meint sie. „Den Pazifischen Ozean hättest Du nicht vergessen“, denke ich als mein 20-Jähriger Sohn die Augen verdreht: „Mama, als Du früher immer gesagt hast, Kinder brauchen gar keine Kindergruppen, da wusste ich nie, was Du meinst. Jetzt wohl.“ Dabei betrachtet er genervt eine Gruppe kreischender Kellner-Rempler.

Kindheit auf dem Spiel

Das sachte Tuckern der Fähre spült mich zurück in meinen Gedankenfluss: Kindheit ist ein Schutzraum, den starke Erwachsene zunächst hilflosen und zunehmend stärker werdenden Heranwachsenden gewähren. Sie endet mit der Stärke des jungen Erwachsenen. Warum ist Kindheit wichtig? Damit jeder einzelne menschliche Nachkomme die ihm gegebenen Potenziale ungestört entfalten kann.

Auf Klassenfahrten junger Grundschulkinder wird die Institution Kindheit gestört. In einer Umbruchsituation, und eine Reise ist für ein Kind eine Umbruchsituation, brauchen Grundschulkinder ganz besonders viel Schutz von den für sie zuständigen Erwachsenen, vorzugsweise der Eltern. Die können es einfach, denn sie sind Experten.

  • Das Elfenkind zum Beispiel bräuchte eine vertraute Person, die sagt: „Geh nicht durch das Gewühl zum Kiosk. Es ist ja nicht einmal Dein Hunger, sondern nur der von Chantalle. Du bist jetzt aufgeregt, weil unter Dir nur Wasser ist und die Insel Amrum ganz fremd. Komm ich erzähle Dir etwas über das Meer und die Insel. Siehst Du da hinten den Leuchtturm, von dort aus sendet der Leuchtturmwärter Lichtsignale, damit die Schiffe und Fähren nicht in Not geraten. …“ Der Beschützer des Mädchens würde die Berechtigung für seine Angst anerkennen und zugleich auch darlegen, wie vorausschauend und mitunter heldenhaft sich die Retter engagieren. Das brächte das Kind bildungsmäßig und bindungsmäßig weiter und zugleich näher zur Reichhaltigkeit der eigenen Gefühlswelt. Die Begleitung einer ungezügelt essenden Gleichaltrigen z.B. kann beides nicht leisten. Dieser Entwicklungspfad ist ganz karg für dieses zarte kleine Mädchen und führt zu nahezu nichts.
  • Der Junge, der am Kiosk das Bootsmodell, und eine Leuchtturm-Schneekugel auf den Boden fegt, um danach über ein Kleinkind zu stolpern, der braucht – nein keine Erziehung –, er braucht eine liebevolle erwachsene Person, die ihn ganz fest in den Arm nimmt, damit er sich gehalten fühlt, während so viel Neues auf ihn einströmt. Sieht denn niemand die Angst und Verletzlichkeit des kleinen Kerlchens?

Abpfiff

Stattdessen immer wieder die Behauptung der bildungsmäßigen Vorteile vom Aufwachsen in öffentlichen Institutionen und der Vorteil verfrühter Selbständigkeit. Lächerlich!

Jetzt zucke ich zusammen und werde durch das Schrillen zweier Trillerpfeifen aus meinen Gedanken gerissen. Zwei der älteren Ehepaare erheben sich brüsk und klatschten nach dem Pfeifkonzert zusätzlich auch noch in die Hände. Soviel Engagement hätte ich ihnen noch vor fünf Minuten kaum zugetraut! Chantalle, der stolpernde Scherbenjunge, die zarte Elfe und all die anderen werden gezählt.  Als Nummern auf den Listen ihrer Betreuer sind die Kinder dann endlich wichtig.

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