Das Gras wächst nicht schneller wenn man daran zieht *

 

Eine kleine Geschichte, die eine größere Auswirkung auf den Personalschlüssel in der Krippe haben kann, als man auf Anhieb denkt:

Eine Kindergärtnerin schrieb mir. Ihre Kinder müssen manchmal durch die Garderobe der Krippe gehen um auf den Spielplatz zu gelangen. Zuvor ermahnt sie ihre Großen immer, umsichtig an den Krippenkindern vorbeizugehen. Um ihnen dann deutlich zu machen, dass es sich hier um sehr verletzliche Kleine handelt, sagt sie: “Geht vorsichtig und behutsam an den krabbelnden Babys vorbei.” Eben damit hat sie sich den Tadel der Krippen-Erzieherin eingehandelt. Sie wären keine Babys. Wenn die Kindergärtnerin die Krippenkinder so nennen würde, dann würde sie es befördern, dass die Kindergartenkinder die Krippenkinder als „Babys“ diskriminieren. “Was hätte ich darauf antworten sollen?”, fragte mich die Kindergärtnerin. “Ich habe einfach nichts gesagt.”

Ich muss sagen, dieser Einwand hat mir sehr zu denken gegeben. Alltags begegne ich immer öfter Menschen, die Kinder in der Krippe Kindergartenkinder nennen. Andere stellen immerzu Anforderungen an die Selbständigkeit der Allerkleinsten,  ziehen an dem Gras. Warum eigentlich?

Und zusätzlich frage ich mich: Wie sollen tatsächliche Kindergartenkinder (3-6 Jahre) verstehen, dass Krippenkinder verletzlich sind, wenn so viele – nicht nur besagte Krippenerzieherin – die verletzlichere Lebensphase bis zum dritten Geburtstag in der Wortwahl nicht von der etwas robusteren danach unterschieden wissen will?

Trotzdem habe ich es gerne gelesen, dass sich die Erzieherin der Babys und Kleinstkinder für deren Schutz einsetzt. Aber Schutz vor dem Diskriminieren? Diskriminieren heißt auf Deutsch unterscheiden. Sie möchte schützen, indem sie Unterschiedliches nicht unterscheidet? Die Absicht ist gut, doch der Weg ist eigentlich widersinnig, nicht an der Realität orientiert und somit nicht sehr erfolgversprechend.

Ich glaube, hinter all diesem ungeduldigen Drängeln und Quengeln und der Forderung nach früherer Reife steckt letztendlich ein wirtschaftlicher Wunsch. Natürlich wäre es volkswirtschaftlich gesehen preiswerter, wenn der Mensch mit dem Reifegrad eines Kindergartenkindes geboren würde. Bei Säugetieren ist das ja auch so. Sie können zumeist schon direkt nach der Geburt laufen. Wir Menschen sind zugleich im Nachteil. Die große Verletzlichkeit und Hilflosigkeit in den ersten drei Lebensjahren bedarf eines teuren Engagements der zuständigen Erwachsenen.   

Diese Investition ist der Preis für den Vorteil, den der Mensch gegenüber dem Säugetier hat. Während der relativ langen und ausgeprägten Babyphase außerhalb des Mutterleibs kann der sehr junge Mensch schon lernen, während das Säugetier noch im Fruchtwasser schwimmt. Adolf Portmann, der große Zoologe, der an der Universität Basel lehrte, sprach beim ganz jungen Menschen von der „Physiologischen Frühgeburt“. Wegen der Vorverlagerung seiner Geburt finden beim Menschen viele Reifungsprozesse bereits in der bereichernden Umwelt statt. Das macht ihn zugleich offener für geistige und kulturelle Einflüsse, die Sprache z.B., und unabhängiger von Instinkten. Auf der anderen Seite ist er viel stärker auf den Schutz seiner Eltern angewiesen als das junge Tier.

Vor diesem Hintergrund ist es besorgniserregend, dass mächtige Bildungsökonomen seit ein bis zwei Jahrzehnten so eifrig bemüht sind, die Kosten für die teure Fürsorge für unsere allerkleinsten menschlichen Nachkommen zu senken. Was liegt da näher, als zunächst einmal das Wort für das Kleinsein, das Wort “Baby” aus dem Verkehr zu ziehen?

Die oben zitierte Krippenerzieherin weiß wahrscheinlich gar nicht, dass sie mit ihrem Nahkampf gegen das Wort “Baby” letztendlich ihre eigenen Arbeitsbedingungen verschlechtert. Oder anders ausgedrückt: Würden alle Krippenerzieherinnen und Kita-Träger die Allerkleinsten demonstrativ “Baby” nennen, dann könnte die Gesellschaft deren Hilflosigkeit nicht so erfolgreich verdrängen. Müssten sich die politischen Entscheidungsträger und Ökonomen mit diesem Fakt konfrontieren, so würden sie wahrscheinlich günstigere Personalschlüssel festgelegen. Es ist schon ein Unterschied, ob eine Erzieherin für 7 oder für 3 Babys und Kleinstkinder zuständig ist.

Deshalb mein Appell an die Erzieherinnen: Nennt Babys, Babys so laut ihr könnt. Gebt ihnen im Schulterschluss mit den Eltern die Erlaubnis klein zu sein. Dann werden sich die “Babys” ganz von alleine und ohne Selbständigkeitstraining zu Kleinkindern entfalten. Vor allem werdet Ihr durch eine solche Haltung das Vertrauen der Eltern bekommen. Die wissen nämlich ganz genau um den Schutzbedarf ihrer Kleinen.

Und nun meine Antwort an die anfragende Kindergärtnerin. Nichts zu sagen, das war das Klügste, was Sie hätten machen können. Es ist ja nicht Ihre Aufgabe, Kolleginnen zu überzeugen. Sie haben eine viel edlere Aufgabe. Begleiten Sie in aller Ruhe die Entwicklung der Unterscheidungsfähigkeit Ihrer Kindergartenkinder. Die können sich dann nämlich später mit ihrem klaren Verstand der Wahrheit zu- und sich von gesellschaftlichen Manipulationsversuchen abwenden. 

* Sprichwort aus Sambia

 

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